Viele Fragen, keine Antworten

 

* Startseite     * Archiv



Viele Fragen, keine Antworten"I am probably not the only one who writes in order to remain faceless. Don’t ask me who I am, or tell me to stay the same: that is the bureaucratic morality."
Michael Foucault

User gesamt

user online
gratis On Page Counter by GOWEB

* Themen
     berlinbesuche
     beobachtungen
     butches und femmes
     erwerbslos
     gastro
     grundlagentexte
     katzen
     kurioses
     medien
     ohne kategorie
     politik
     sprachpolitik
     worte der woche

* mehr
     bewerben
     stats
     philosophieren
     gesehen
     gelesen
     lesen
     impressum
     leere kategorie

* Links
     hier wird gebaut
    
     blogs
     alarmschrei
     als ob leben
     alte eule
     an der kaffeemaschine
     angellus
     batzlog
     bembelkandidat
     bild kommt von bildung
     cers
     der linksbote
     doerfler
     fingerzeig
     fr blog
     freidenken
     pathologisch
     politischinkompetent
     rebellenmarkt
     semmel
     so-zi-al
     spielverderber
     variationenlicht
     weltregierung
     word2go
    
     mitautorin
     jobberpool
     streikposten
    
     homepages
     lutz büge
     plueschpara
     rainbowheart
    
     medien
     frankfurter rundschau
     frida
     junge welt
     le monde diplomatique
     nachdenken
     ngo-online
     projectcensored
    
     anderes
     femmes und butches
     femmes und butches II
     medizin
     pandoras box
     parapluesch
     schuhe
     systemfehler
     trauminsel
     wirtschaftsordnung


jobberpool



SocialBlogs

bingutmensch



Keine Zielgruppe

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 2.0 Germany License.










Billiglohnland

Ich würde ja gerne schreiben, dass die Einführung der Ein-Euro-Jobs undurchdachte Dummheit war, aber ich befürchte, dass dahinter Kalkül stand. Der Regelsatz für ALGII Empfänger wird zukünftig der Maßstab für das Nettoeinkommen für sogenannte Geringqualifizierte sein. Aber prekäre Berufbiographien und ein Leben von der Hand in den Mund sind inzwischen bei qualifizierten ArbeitnehmerInnen und AkademikerInnen angekommen. Davon, dass ständig wiederholt wird, es ginge um die Geringqualifizierten, ändern sich die Zahlen nicht. Volkswirt und Autor Dirk Hauer nennt die Entwicklung, dass zwei Drittel aller Niedriglohnbezieher zwischen 30 und 55 Jahre alt sind und aus allen Berufsschichten kommen, normale Arbeit anno 2004.

Viele Institutionen, die einmal Leute über ABM eingestellt haben, machen das jetzt über die Einstellung von Ein-Euro-Jobbern. Das geht so weit, dass andere für alle Beteiligten letztlich günstigere Möglichkeiten nicht mehr in die Strukturen integriert werden. In Köln bestände die Möglichkeit für 300 Arbeitslose, die ALGII beziehen, sogenannte Arbeitsgelegenheiten in Vertrag einzustellen. Hier würde das Arbeitsamt für ein Jahr die Kosten für die ArbeiternehmerInnen übernehmen, Die Arbeitnehmer bekämen einen Arbeitsvertrag und eine Anstellung nach Tarif. Die Vorraussetzungen für die Genehmigung einer solchen Arbeitsgelegenheit sind, dass sie im anleitenden/bildenden Bereich angesiedelt sein müssen und sich an Arbeitslose mit besonderer arbeitsmarktlicher Benachteiligung (besonders lange arbeitslos, Alleinerziehend, Andersfähig. Migrationshintergrund) wendet. Das Angebot ist vergleichbar mit den früheren ABM-Stellen. Letztes Jahr gab es von diesem Jahr immerhin schon 75 Stellen. Von denen lediglich 10 in Anspruch genommen worden waren. Die Hilfe-Strukturen in Köln, die ein solche Angebot umsetzen können, haben ihre Strukturen ganz auf Ein-Euo-Jobber umgestellt.

Mal abgesehen davon, dass nur wenige Arbeitslose von dieser Möglichkeit wissen, zeigt sich hier doch am deutlichsten, dass die Vorgabe, dass Integrationsjobs keine Arbeitsplätze ersetzen dürfen, Makulatur ist. Aber wem erzähle ich es.

Im Streit um Mindestlohn, stehen die Geringqualifizierten in direkter Konkurrenz zu hochqualifizierten AkademikerInnen, die inzwischen in einer prekären Berufsbiographie angekommen sind. Im Informationsdienst des Wissenschaftladen Bonn wird eindrucksvoll geschildert, wie einer arbeitslose Schauspielerin ein Traumjob als Schauspiel- und Artistik-Anleiterin durch ein Job-Center angeboten wird. Natürlich auf Ein-Euro-Basis. Die arbeitslose Schauspieler lehnte ab, weil sie der Ansicht ist, dass eine solche Arbeit mehr wert ist, als 1 Euro. Die Sachbearbeiterin im Job-Center drohte mit Leistungskürzung, hinterfragte aber überhaupt nicht, ob dieser Job tatsächlich zusätzlich und gemeinnützig. Ich weiß ja nicht, ob die MitarbeiterInnen der ArGes Prämen für einen hohe Vermittlungsquote bekommen aber ein 1-Euro-Jobber gilt in der Statistik nicht mehr als arbeitslos. Ein Schelm wer dabei böses denkt.

Die radikale Senkung der Löhne in der Bundesrepublik scheint erklärtes Ziel von Wirtschaft und auch Politik zu sein. Die gewählten "Volksvertreter" verdienen den Namen nicht. Sie vertreten unter dem Deckmäntelchen wirtschaftlicher Verantwortung die Interessen von Konzernen, die ihre Umsatzrendite gerne auf Kosten ihres Personals und der sozialen Systeme erhöhen möchten. Klar, wer für jeden Euro Umsatz mehr in der Tasche behalten kann, wer will das nicht. Dagegen sollte die Politik ein Korrektiv bilden (Eine interessante Diskussion dazu findet sich bei che). Davon sehe ich nicht viel. Wenn ich mir die Mühe mache, darüber nachzudenken, was in den Köpfen unserer SpitzenpolitikerInnen vorgehen mag und wie sie die unterschiedlichen Realitäten, in denen das sie wählende Volk lebt, einschätzen, habe ich schwer den Verdacht, dass sie nicht mehr viel außerhalb ihrer eigenen Sphäre mitbekommen. Vermutlich stressbedingt kortikoidgeschädigt*.

Und worauf läuft das alles hinaus?

Dirk Hauer sieht einen Trend zur Prekarisierung du zu Niedriglöhnen. "Nicht zufällig ist der Umstand, dass die Umsetzungen der Hartz IV-Maßnahmen zusammenfällt mit direkten unternehmerischen Angriffen auf die Löhne." Daher kämen die Ein-Euro-Jobs nicht wie "Kasper aus der Kiste, sondern seien immer erklärtes Ziel gewesen."

Und so kann man in Deutschland für kleines Geld hochqualifiziertes Personal einkaufen.

Einmal im Jahr fliegen die beiden Porzellandesigner für einige Wochen nach Taiwan. Dort sitzt ein Unternehmen mit dem die Deutschen eng zusammenarbeiten. "In Taiwan gibt es schon lange keine Billiglöhne mehr", sagt Stephan Ziege. "Dort werden in den meisten Branchen Gehälter gezahlt, die hierzulande mancher gerne hätte." Deswegen ließen viele Asiaten in Deutschland und Europas produzieren. Billiger. Nicht selten ein Ein-Euro-Jobber.



*(Zur Erklärung: wer nach einer stressigen Phase nicht mehr runterkommt, sondern weitermacht, bei dem schüttet der Körper ein cortisonähnliches Hormon aus, welches das Schmerzempfinden herabsetzt und uns befähigt länger durchzuhalten. Allerdings ist man in diesem Zustand weder für Kritik von außen noch zur Selbstkritik fähig, auch schränkt sich das Wahrnehmungsfeld stark ein, weil man sich so sehr auf eine Aufgabe konzentriert. Es ist auch schwer aus diesem Zustand wieder auszusteigen. Ein gutes Beispiel für die Folgen eines solchen Zustandes war Gerd Schröder am Wahlabend. Es heißt auch, dass dieser Zustand süchtig macht.)

Alle Zitate stammen aus: Ein-Euro-Jobs für Akademiker. In: Informationsdienst 08/2006 Wissenschaftladen Bonn), leider ist der Artikel online nicht einsehbar.
27.2.06 11:27
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung