Harold Pinter hat eine wütende Anklage gegen die USA und in ihrem Gefolge, Großbritannien vorgetragen. Es war nicht eine Rede anlässlich einer Friedendemonstration oder anlässlich einer Charity-Veranstaltung. Nein, es war die Rede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn. Statt hübscher feuilletongerechte Phrasen nun das:
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges unterstützten die Vereinigten Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Barasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich
Ich behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die größte Show der Welt ab, ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgültig, verächtlich und skrupellos, aber auch ausgesprochen clever
Wie viele Menschen muss man töten, bis man sich die Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein? Einhunderttausend? Mehr als genug, würde ich meinen. Deshalb ist es nur gerecht, dass Bush und Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof kommen.
Die vollständige Rede findet sich
hier
Und die Reaktion? Erstaunlicherweise blieb es ruhig. Einige Zusammenfassungen des Feuilleton finden sich hier
hier und
hier . Die dpa schickte aus Mangel an Reaktionen keine Zusammenfassung. Und Google News listet verhältnismäßig weniger Nachrichten auf, verglichen mit anderen Ereignissen.
Was ist passiert?
In der
Frankfurter Rundschau lese ich, dass die Verleihung des Nobelpreises an Harold Pinter wohl 30 Jahre zu spät kommt, auch gemessen am Inhalt der Nobelvorleseung. Von unheilvoller linker Rhetorik der 60er und 70er Jahre ist die Rede, wie auch die Zurückweisung des Abschnitts der Rede, die ich für die Propagandamaschine der USA für zentral halte:
Es ist nie passiert Nichts ist jemals passiert. sogar als es passierte, passierte es nicht Es spielt keine Rolle. Es interessiert niemanden.
So ist es. Der Sprachgebrauch der Politik, wie Harold Pinter betont, dient dem Machterhalt und nicht der Wahrheit. Deswegen kann ein Bush sich hinstellen und noch im blutigsten Desaster, davon sprechen „die Demokratie gebracht zu haben“. (Die Implikationen bei dem Gebrauch des Begriffs „Demokratie“ würden sicherlich mehr als eine Doktorarbeit füllen können.)
Und der Journalist? Er fühlt sich auf den Schlips getreten, angegriffen und düpiert:
Jedem halbwegs wachen Menschen müsste es angesichts immer neuer Enthüllungen (oder Indiskretionen) aus dem Umfeld der Bush-Regierung verboten sein, Sympathie für diese zu empfinden. Andererseits: zu behaupten, über Nicaragua sei nie gesprochen worden und Guantanamo Bay sei den Medien lediglich nur eine Randnotiz wert - das zeugt entweder von Verblendung oder einem Übermaß an polemischen Potenzial. Quelle
Weil der Journalist hier nicht versteht, dass über eine Sache, vor allem wenn es um Mord und Krieg geht, solange gesprochen werden muss, bis sie beseitigt worden ist, bis die Umstände von allen Seiten anerkannt worden sind und dass es nicht akzeptabel ist, den Mantel schöner Worte darüber zu legen und wie er selbst einräumt, kann davon kaum die Rede sein. Zumal ich die Einschätzung nicht teile, dass sich so vielen Menschen auf diesem Planeten tatsächlich mit diesem Thema ausführlich auseinander gesetzt haben. Da spricht ein mehr oder weniger dem linken Spektrum zugeneigter Journalist. Eine höchst privilegierte Position und darüber hinaus ein, in der solche Informationen tatsächlich immer wieder auftauchen. Offenbar ist dieser Journalist nicht in der Lage, sich auch nur vorzustellen, dass es auch andere Positionen gibt. Dafür hätte er eigentlich noch nicht mal weit schauen müssen, die englischen und schwedischen Pressereaktionen allein hätten schon ausgereicht.
Stattdessen betont er die Bedeutungslosigkeit der Rede indem er auf die mangelnde Reaktion verweist, indem er eingangs schon darauf verweist, dass nichts anderes zu erwarten war. Das viele Literaturnobelpreisträge sowieso eher links sind (das war eine andere Quelle).
Harold Pinters Rede ist es offensichtlich wert verschwiegen, heruntergeschrieben und als altmodisch gestempelt zu werden. Chapeau! Wie es scheint, muss sie einen Nerv getroffen haben, der bei professionellen Schreiberlingen blank liegt.
Ja, die Rede wirkt irgendwie angestaubt, altbacken, etwas das man schon mal gehört hat, immer mal wieder und auch schon diskutiert hat und in diesen Diskussionen immer diese hilflose Ohnmacht gespürt hat, die meist so schlecht auszuhalten ist, dass man das Gefühl lieber ignoriert und im Gefolge dann halt auch das Thema. Deswegen ist es brillant, dass Harold Pinter die Gelegenheit nicht verstreichen lies und
aus dem Fernsehstudio kraft der Autorität der Auszeichnung in die ganze Welt schicken durfte, möglicherweise das, was letztendlich von ihm bleiben wird - eine Abrechnung, i.e klare Worte gesprochen hat. In einem Moment als viele Teile der westlichen Welt wenigstens bereitstanden zuzuhören. Worte, die in unserer relativistischen marktradikalen Zeit Gefahr laufen können, sich der Lächerlichkeit des Altmodischen preiszugeben. Worte, die seit 60 Jahren wieder und wieder gesprochen und Argumente, die sich nicht abnutzen, nur weil sie jahrzehntelang wiederholt werden - müssen.
Nachtrag: Zu dem in den Kommentaren enthaltenen Link gibts
hier eine angemessene Antwort