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This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 2.0 Germany License.










Etienne Balibar: Die Nation-Form

Die Gemeinschaften der fr?hen Neuzeit haben sich im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts, und diese Entwicklung gilt noch nicht als abgeschlossen, als Nationen konstituiert. Etienne Balibar verfolgt in seiner Argumentation die Strukturen, die sich bei allen Nationen wiederfinden lassen und die etwas ?ber ihre Entstehung aussagen. Auff?llig ist, dass Nationen eine Form annehmen, die den Eindruck erweckt nat?rlich gewachsener Strukturen mit einem Ursprung. Balibar weist dies als Illusion?r zur?ck und untersucht in der vorliegenden Arbeit die Entstehung der Nation-Form, dabei besch?ftigen ihn vor allem die Elemente, die es den Nationen erm?glicht sich in dieser Weise ?naturalisiert? darzustellen. Es geht also um die Struktur, die es der Nation-Form erm?glicht zu funktionieren.

Geschichte der Nation als Illusion

Zun?chst l?sst sich feststellen, da? sich f?r jede Nation eine Geschichte, die in Form eines Berichtes vorliegt, finden l?sst, die einerseits ihre Urspr?nge, Entwicklung als Nation beschreibt und anderseits, da? diese Entwicklung in jedem Fall unvermeidlich, das Schicksal dieser Nation darstellt, was auch eine Projektion in die Zukunft m?glich macht.
Balibar sieht die Bildung der Nation als die Realisierung eines s?kularen >>Projekts<< (...), von Etappen und Bewu?twerdungsprozessen gekennzeichnet, die durch die Stellungnahmen der Historiker eine mehr oder weniger entscheidende Bedeutung erhalten (...), aber alle ein und demselben Schema entsprechen: der Selbstentfaltung des nationalen Wesens. Es sind "Mythen der nationalen Urspr?nge und der nationalen Kontinuit?t" als r?ckw?rts gerichtete doppelte Illusion. Sie basieren auf der Annahme, das eine Gruppe von Individuen ?ber einen jahrhundertlangen Zeitraum, Generation f?r Generation in einer weitgehend gleichen Region unter weitgehend gleicher Bezeichnung, einen Kern ?bermittelt haben, der dieser Gruppe ihren gemeinsamen Inhalt vermittelt. Die weitere Illusion ist, da? die Entwicklung der Nation, die einzig m?gliche war, das unausweichliche Schicksal der westlichen V?lker. Wobei wir die Elemente dieser Entwicklung (Ursprung, Kontinuit?t und Schicksal) im Nachhinein anordnen und uns als Resultat dieser Entwicklung begreifen. Projekt und Schicksal sind die beiden symmetrischen Figuren der Illusion ?ber die nationale Identit?t. Um zu verstehen, was es mit der Nation-Form auf sich hat, m?ssen wir uns auch mit der Frage besch?ftigen, wie es unter den m?glichen Formen, die ein Staat annehmen kann, zur Nation-Form kam.

Vornationale Instiutionen

Historisch gesehen gibt es ?vor-nationale? Institutionen, die der Nation vorausgingen. Die quasi ihren Weg bereitet haben. Die Vorgeschichte des Nationalstaates ist teilweise sehr alt. Die Einf?hrung der Staatssprache (nicht identisch mit der Nationalsprache), die f?r den administrativen Verkehr erleichtern sollte und die Sprache des Klerus und die Dialekte abl?ste, geht auf das Hochmittelalter zur?ck. Sie steht im Zusammenhang mit der Verselbstst?ndigung und Verweltlichung der monarchischen Macht. Damit einher ging auch die Monopolisierung der Finanzen, Steuern und Administration, sowie die Vereinheitlichung des Rechts. Dies hatte eine innere Befriedung zur Folge, die auch Grenzen und Territorien neu definierte. Alle diese Institutionen ergeben noch keinen Nationalstaat, meist galt ihre Einrichtung anderen Zielen. Dennoch hat ihr institutioneller Charakter dazu gef?hrt, da? sie die Elemente geschaffen haben, die den Nationalstaat ?herbeigef?hrt? haben. Ein weiteres Element bei der Konstitution des Nationalstaates sind die historischen Umst?nde der Weltwirtschaft. Balibar grenzt sich von einer Analyse der Nation als Abstraktion des kapitalistischen Marktes ab. Er spricht von der konkreten historischen Form der Weltwirtschaft, die immer schon mit einem Zentrum und einer Peripherie organisiert war und den daraus resultierenden ungleichen Verh?ltnis zu Tausch und Herrschaft. Nationen stehen in diesem Verh?ltnis gegeneinander. Wir k?nnen also die Entstehung der Nationen mit dem fr?hen, einem "historischen" Kapitalismus in Verbindung bringen, der von Kolonisation gepr?gt war. F?r Balibar ist jede moderne ?Nation? ein Produkt der Kolonisation: sie war stets bis zu einem gewissen Grad eine kolonisierte und eine kolonisierende Macht, mitunter sogar beides.

Zur Illusion der nationalen Kontinuit?t gesellt sich auch die Ideologie des Nationalstaates als der ?h?chsten Form? der politischen Ausgestaltung eines Staates, als Endpunkt einer linearen, kontinuierlichen und unausweichlichen Entwicklung. Historisch gesehen ist aber die Entstehung des Nationalstaat unbestimmt und von Zuf?llen begleitet, also eine Reaktion auf die in der Neuzeit aufkommenden Probleme der Produktionsweisen einerseits und der Menschen (Kolonisation, Bev?lkerungsexplosion) andererseits, die sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts durchgesetzt hat.

Der ?soziale Nationalstaat? stellt einen weiteren Aspekt dar, der mit seinen Institutionen und Praktiken die Individuen erfasste und letztlich die Menschen ihrer Eigenschaft als Staatsangeh?rige vollst?ndig untergeordnet" wurden. Diese Nation-Form fand ihre Vorrangstellung auf Grund der Umst?nde, dass auf lokaler Ebene die Nation-Form die Eind?mmung der heterogenen Klassenk?mpfe erlaubte und daraus nicht nur eine ?Kapitalistenklasse? hervorgehen lie?. Sondern Bourgeoisien im eigentlichen Sinne, d.h. Staatsbourgeoisien, die f?hig waren, die politische, ?konomische und kulturelle Hegemonie auszu?ben, und ihrerseits durch diese Hegemonie geschaffen wurden.

Die Schaffung der Nation-Form ist eine Reaktion auf die Ver?nderungen, die durch die Kolonisierung eingeleitet wurde, der Produktionsformen und der Menschen im aufkommenden fr?hen Kapitalismus. Gleichzeitig wurde ein, die Belange der Menschen betreffendes, Netzwerk von Institutionen geschaffen, die dazu f?hrten, da? die Menschen als B?rger des Nationalstaates diesem Status untergeordnet wurden. Es war und ist eine Aus?bung und Schaffung, denen sich die Individuen nicht entziehen konnten. Wenn sich also Ursprung und Kontinuit?t einer Nation als Illusion erweisen, stellt sich die Frage, worin sich die Nation als Gemeinschaft von anderen historischen Gemeinschaften unterscheidet?

Die Schaffung des Volkes

Balibar spricht hier von der Schaffung des ?Volkes?. Der Begriff ?Volk? ist f?r ihn unmittelbar mit der Schaffung der Nation-Form verbunden. Das Volk ist das imagin?re Symbol der Nation-Form. Im Volk akkumulieren sich die Illusionen der urspr?nglichen, dauerhaften und zuk?nftigen Illusionen. Das ?Volk? referiert auf eine Gemeinschaft, die einen gemeinsamen Namen, Ursprung konstituiert und sich einem gemeinsame Gesetz unterwirft bzw. unterworfen ist, die es zu dem Volk machen. Mit anderen Worten, ohne Volk g?be es keine Nation. Der Begriff ?Volk? als nationale Gemeinschaft stellt eine einheitsstiftende Konstruktion dar, die es auch erm?glicht ein Zentrum und eine Peripherie zu schaffen, das ?eigene? Volk und die Anderen.

Die einheitsstiftende Konstruktion stellt f?r Balibar eine spezifische Ideologie dar, die es erm?glicht, das sich die Gemeinschaft als ein Volk begreift, in der die Individuen eine kollektive Identit?t bilden, die es wiederum erm?glicht sie als Volk anzusprechen und gleichzeitig als Subjekte. ?u?ere Grenzen eines Staates werden zu inneren Grenzen, die es dem Individuum erm?glicht sich in dem Staat wieder zu finden, als den Ort in dem er Zuhause ist, was gleichzeitig seine kollektive Identit?t bestimmt.

Fiktive Ethnizit?t

Balibar bezeichnet diese einheitsstiftende Konstruktion des ?Volkes? als ?fiktive Ethnizit?t?. Fiktiv, weil keine Nation einen gemeinsamen, einheitlichen ethnischen Ursprung hat. Vielmehr wird eine nationale Gemeinschaft in dem Ma?e in dem sie sich nationalisiert, nationalisiert wird, ?ethnifiziert?. Ethnifizierung bezeichnet die Konstruktion einer Bev?lkerung als eine nat?rliche Gemeinschaft, die einen gemeinsame Herkunft, r?umlich und zeitlich, gemeinsame Kultur und Interessen aufweist. Gleichzeitig weist die fiktive Ethnizit?t jedem Subjekt seine ethnische Identit?t zu und teilt die Menschheit in verschiedene ethnische Identit?t ein, die potentiell der Anzahl der Nationen entsprechen. (Die Konstruktion einer Bev?lkerung) bettet deren(nationale) Erfordernisse im voraus in das Gef?hl der ?Zugeh?rigkeit? im doppelten Sinne des Wortes ein: was bewirkt, da? man sich selbst geh?rt und da? man seinesgleichen geh?rt. Was bewirkt, da? man als Individuum im Namen des Kollektivs angerufen werden kann, dessen Namen man tr?gt. Die naturalisierte Zugeh?rigkeit und die sublimierte ideelle Nation sind zwei Seiten ein und desselben Prozesses.

Die sprachliche Gemeinschaft

Aber wie wird diese Ethnizit?t geschaffen? Vor allem, das sie nicht als Fiktion, sondern als nat?rlicher Ursprung erscheint?
Es gibt zwei Konstituenten, die zeigen, da? der Begriff ?Volk? unmittelbar mit der Nation-Form in Deckung geht.
Die eine Achse ist die der ?Sprache? und die andere Achse ist die der ?Rasse?. Beide Begriffe erm?glichen es "die historisch entstandene Bev?lkerung in einem ?naturw?chsigen? Zusammenhang einzubetten".
Sprache spielt eine zentrale Bedeutung in ihrer Auspr?gung als Nationalsprache. Sie verkn?pft die Individuen in einer Sprachgemeinschaft, die sich im Gebrauch aufeinander bezieht und damit als Gemeinschaft reproduziert. Die Ein?bung einer gemeinsamen Nationalsprache wird ?ber die staatlich kontrollierte Institution der einheitlichen und allgemeinen Schulwesens vermittelt. Der allgemeine Schulbesuch ist die wichtigste Einrichtung zur Konstitution der Ethnizit?t als Sprachgemeinschaft. Jedoch ist die Sprachgemeinschaft eine aktuelle Gemeinschaft, die immer existieren zu scheint und keinen ausschlie?t, da sie f?r alle, die dem nationalen Schulsystem angeschlossen sind, vermittelt ist. Deshalb braucht es f?r die Konstruktion eines Volkes die weitere Achse der Rasse, die im Gegensatz zur Sprache, f?r Ausgrenzung und Abschlie?ung steht.

Die Idee der Rasse

Die rassische Gemeinschaft enth?lt in ihrem symbolischen Kern die Idee einer Genealogie, die eine Verkettung der Individuen ?ber Generationen, darstellt, die gleichzeitig eine biologische und eine geistige Substanz ?bermitteln. Die rassische Gemeinschaft gewinnt historisch an Stellenwert, w?hrend die Sippen- und Verwandtschaftszugeh?rigkeiten zunehmend an Bedeutung verloren. Die Idee einer rassischen Gemeinschaft kommt auf, wenn sich die Grenzen der Zusammengeh?rigkeit auf der ebene der Sippe, der Nachbarschaftsgemeinschaft und, zumindest theoretisch, der sozialen Klassen aufl?sen, um imagin?r an die Schwelle der Nationalit?t verlagert zu werden. Die zunehmende Nationalisierung der Bev?lkerung ist von tiefgreifenden strukturellen Ver?nderungen begleitet. In dem Ma?e in dem die Institutionen sorgend, strafend und organisierend in das Leben der Einzelnen eindringen, l?sen sich die vormaligen verwandtschaftlichen und solidarischen Bindungen auf. Gleichzeitig bildet sich der Begriff des ?Privatlebens? heraus, der sich wiederum als weitere Fiktion erweist. So da? die Intimit?t der modernen Familie genau das Gegenteil einer autonomen Sph?re ist, vor der die staatlichen Strukturen halt machen w?rden. Die Familie in ihrer nationalen Bedeutung ist einerseits Ort der Reproduktion der Arbeitskraft, und ordnet andererseits diese Reproduktion der fiktiven Ethnizit?t unter. Die zentralen Loyalit?t der Familien- und Sippengemeinschaften gilt nun dem ?sozialen National?staat. Hier ist nicht von Bedeutung, da? es schon immer Familie gegeben hat, sondern welche Bedeutung die Familie in ihrer nationalen Funktion hat.

Beide Achsen bedingen die Konstitution fiktiver Ethnizit?t, jedoch k?nnen sie unterschiedliche Gewichtung erfahren. Das hat insofern Bedeutung, als es z.B. f?r die Frage des Umgang mit Migranten entscheidend ist, ob eher das offene Element der Sprache in einer nationalen Ideologie eine zentralere Rolle spielt oder das ausschlie?ende Element der Rasse.

Etienne Balibar (1998): Die Nation - Form: Geschichte und Ideologie, In: Balibar, E.; Wallerstein, T.: Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identit?ten. Hamburg: Argument;S. 107 - 130
7.11.05 13:14
 



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