Die
aktuellen Beiträge unserer politischen Elite zu menschlichen Parasiten, bringt mich wieder auf ein Thema zurück, welches ich vor einigen Wochen anfing. Meine Überlegungen sind im Moment vorläufig und ich werde dieses Thema weiter aufgreifen.
Es gibt Gefühle, die so stark und mächtig sind, dass sie verschwiegen werden. In unseren primär narzisstischen Zeiten sind dies vor allem Schamgefühle. Ich will hier nicht von einer Scham sprechen, die als natürliches Gefühl, die eigenen Grenzen und Möglichkeiten mitbestimmt. Vielmehr geht es um die Scham, die aufkommt, wenn man gedemütigt, verlacht oder verachtet wird. Mit Scham aufs engste verbunden ist immer die Verachtung. Wenn die eigene Person keine Rolle spielt, wenn die Umwelt kalt und unemphatisch auf die „natürlichen“ Bedürfnisse einer Person reagiert. Das beginnt schon im kleinen. Der kleine Junge, der sich vor etwas fürchtet, dem gesagt wird, dass er keine Angst zu haben braucht, vielmehr keine Angst haben soll, weil dies unmännlich ist, er sei doch schon ein kleiner Mann. Die Aufwertung als kleiner Mann geht einher mit der Abwertung der kindlichen Gefühle und erzeugt auf Dauer, wenn kein anderer Weg möglich ist, Schamgefühle über die eigenen Gefühle. Schamangst nennen es die Experten, wenn das eigene Schamgefühl so tief vergraben wird, dass es angstauslösend ist, sie zu zulassen.
Ich nehme meinen Gedankengang von
weiter unten wieder auf.
Aber wieso funktioniert das? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Wieso lassen sich die Menschen die Errungenschaften einer sozialen Marktwirtschaft wegnehmen, statt sich dafür einzusetzen, dass die Welt sozialer, fairer, letztlich gerechter wird? Woher kommt bei einigen die Ansicht, dass unsoziale, den Menschen auf ein marktwirtschaftlich auswertbare Zahl reduzierenden Wirtschaftssysteme, die einzige Antwort auf die Krise genau dieser Systeme sind? Wieso werden weiterhin Ressourcen vernichtet? Wo doch für alle genug da ist?
Zunächst ein notwendiger Nachtrag. Ich habe weiter unten von dem „Progaganda-Ruf nach Individualismus“ gesprochen und bin von
mo auf die unscharfe, wenn nicht gar unsachgemäße Verwendung des Begriffs hingewiesen worden. Aber die Propaganda spricht in diesem Zusammenhang nicht von Vereinzelung, sondern von Individualismus oder Entwicklung des persönlichen Stils. Insofern ist es korrekt in diesem Zusammenhang „vom Propaganda-Ruf nach Individualismus“ als Paraphrase für Vereinzelung zu sprechen.
„Es alleine schaffen müssen“ ist tatsächlich ein Sinnbild der Vereinzelung, dass dem in diesem System Funktionsfähigen mit „
style, outfit und der besitz von (meist noch überflüssigen bis schädlichen) dingen “ belohnt. Ich beobachte immer wieder, dass die Funktionsfähigen, gerne auch die Erfolgreichen genannt, von diesen Belohnungen nie genug bekommen. Vielmehr ein Mangel beklagt wird. Erstaunt reibt man sich die Augen. Wie kommt das? Wo das Wenige oder auch die Verwaltung des Mangels bei vielen anderen, ausreicht, bzw. ausreichen muss?
Eine Antwort ist, dass diese systemimmanent Funktionierenden wenig mehr haben als ihr Auskommen und Geld, egal wie viel, kann die Angst davor auf der Seite der anderen, der Funktionsunfähigen, Irrelevanten zu enden, nicht beruhigen. Das Auskommen tritt, wie ein Suchtstoff, an die Lücken in der Seele und verdeckt die innere Wertlosigkeit. Es wird gesagt, dies und das stärke das Selbstwertgefühl. „Tun sie was für sich, kaufen Sie...“, gebetsmühlenartig wird vorgegaukelt durch Kauf könne der eigene Wert erhöht werden. Das einzige was dadurch erhöht wird, ist der Warenstrom und sind im Zweifel dank guter Verkaufszahlen die Aktienkurse.
Sozialpolitik und Wirtschaft tun jedoch noch immer so, als würden sie auf Wechselbeziehungen aufbauen, die auf Arbeit gegründet sind. Diese ist aber nicht mehr vorhanden – und die so entstandene Diskrepanz hat unerbittliche Auswirkungen. Die Opfer dieses Verschwindens, die Beschäftigungslosen, werden nach denselben Kriterien behandelt und beurteilt wie zu der Zeit, als es Beschäftigung in Hülle und Fülle gab. Bei ihnen werden Schuldgefühle geweckt: Sie fühlen sich schuldig and der Tatsache, der Arbeit beraubt, um sie betrogen worden zu sein; sie werden von trügerischen Versprechen eingelullt, die den schon bald wieder aufblühenden früheren Reichtum an Arbeit prophezeien und verkünden, die von widrigen Umständen hart bedrängte Konjunktur sei bald wieder in Ordnung.
Schließlich vollzieht sich die unbarmherzige passive Verdrängung einer unermesslichen und dazu unaufhörlich anwachsenden Zahl der »Arbeitssuchenden« ab den Rand der Gesellschaft, die ironischerweise gerade durch die Tatsache, daß sie zu »Arbeitssuchenden« geworden sind, einer Norm unserer Zeit entsprechen: einer Norm, die man als solche nicht akzeptieren will. Selbst die Ausgeschlossenen wollen sie nicht wahrhaben, so daß sie sich als erste als unvereinbar mit einer Gesellschaft erweisen, deren ganz natürliches Ergebnis sie doch sind. Sie werden dazu gebracht, sich als der Gesellschaft unwürdig zu betrachten, vor allem aber als verantwortlich für ihre Situation, die sie als erniedrigend und sogar verwerflich ansehen. So beschuldigen sie sich selbst einer Sache, deren Opfer sie doch sind. Sie urteilen über sich mit dem Blick derer, die über sie urteilen – ein Blick, die sie übernehmen , der sie als schuldig betrachtet und der dazu führt, daß sie sich fragen, welche Unfähigkeit, welcher Hand zum Scheitern, welcher böse Wille, welche Irrtümer sie in diesen Zustand haben geraten lassen.
(Viviane Forrester 1997)
Scham über das eigene Versagen lässt uns selbst mit den Augen der anderen, oder eines verinnerlichen Wertesystems, dass als feindselig zu bezeichnen ist, betrachten und damit erkennen wir dieses System an. Wir stimmen mit dem System zu, statt ihm zu widersprechen.
Der Anblick von Scham lässt die Menschen wegsehen. Sie wenden ihren Blick, um nicht dem ins Auge schauen zu müssen, dem sie selbst nur massive Verdrängung entgegengesetzt haben.
Es ist also die (Selbst)verachtung und Scham über das Versagen, das mögliche Versagen und die Versager in einem System, dass ein Versagen unvermeidlich macht und gleichzeitig tabuisiert. Scham führt zu Rückzug, sich verstecken wollen, Hilflosigkeit, Angst, Wertlosigkeitsgefühlen, dazu sich weder lebens- noch liebenswert zu empfinden. Die Verachtung der scheinbaren Gewinner ist die Kehrseite und verdeckt die eigene Angst im Club der Narzissten ins Hintertreffen zu geraten.
Denn, Scham ist nicht nur schwer zu ertragen, wenn wir sie selbst erleben, sondern
Scham ist ansteckend. Sie ist so schmerzhaft, daß der Zeuge von Scham wegschaut“ (Block-Lewis, 1987 zitiert nach Aalberse 1998)
Deswegen lassen sich die Gruppen auch so leicht aufeinander hetzen. Die einen schämen sich über ihre vermeintliche Schuld am Versagen im aktuellen System und die anderen verachten die, die ja selbst Schuld sind, an ihrem Versagen. Und diese selbst meinen versagt zu haben, noch erfolgreicher zu sein.
Scham und Verachtung sind das Schmieröl für die Massen der scheinbaren Gewinner und tatsächlichen Verlierer in unserer Zeit.